Berichte

2000

Jungfrau Marathon, 6.9.2008 (1. Teil)

Teilnehmer: Zita Häfeli, Kaspar Ritz, Christian Schacher, Heinz Wälti, Hanspeter Haas, Richard Wälti
Es ist soweit, das zum Mountain Marathon-Cup zählende dritte und sogleich letzte Rennen steht mir, Zita und Kaspar bevor.
Wie schon beim Zermatt Marathon reisen wir bereits am frühen Freitagabend nach Interlaken. Zita und ich holen dort die Startnummern ab und fahren mit dem nächsten Zug (inzwischen ist auch Evelyne zu uns gestossen) nach Wilderswil. Dort haben wir uns für die nächsten zwei Nächte im Hotel Alpenblick ein 3-Bett-Zimmer reserviert. Im etwas ältlichen aber charmanten Hotel werden wir freundlich empfangen, sogar unsere Namen sind auf einer grossen Tafel notiert mit den allerbesten Wünschen für gutes Gelingen beim Marathon. Nach einer Gemüsecrème-Suppe, 3 Teller Pasta und 2 Stück Kuchen streifen wir noch zu einem Verdauungsspaziergang durch’s nächtliche Wilderswil. Bevor wir unter die Duvets schlüpfen, werden wie immer alle notwendigen Laufutensilien bereitgelegt, um am Morgen möglichst schnell einsatzbereit zu sein.
Samstag, 6. September 2008: Tagwache um 6.30 Uhr, Morgenessen um 7.00 Uhr. Anschliessend WC-Besuch, Zähne putzen und Tasche packen mit Kleidern fürs Umziehen nach dem Duschen auf der Kleinen Scheidegg. Abmarschbereit um 7.35 Uhr. Nach 10-minütigem Fussmarsch besteigen wir um 7.49 Uhr den Zug in Wilderswil und fahren nach Interlaken Ost. Beim Dislozieren Richtung Startgelände treffen wir auf Kaspar und Hanspeter mit ihren Kollegen. Wir plaudern noch etwas, während wir unsere definitiven „Rennkleider“ montieren. Die Flüssigkeitszufuhr vom Morgenessen macht sich langsam in der Blase bemerkbar und so stellt sich jeder (ausser mir) in eine der verschiedenen Wartekolonnen vor den WC-Häuschen. Zita ist die einzige, die ich vor dem Start noch antreffe. Gemeinsam suchen wir im 4000-köpfigen Starterfeld die Startposition, welche etwa unserer Laufzeit entsprechen könnte. Ich reihe mich kurz vor dem Zeitschild 4 Std. 30 Min. ein. Meine Blicke schweifen in die Runde und suchen meinen Kollegen Kaspar, denn wir wollten eigentlich das Rennen gemeinsam angehen, wie schon bei den zwei vorangegangenen Marathons. Ich kann ihn aber nirgends sehen und mache mich daher um Punkt 9.00 Uhr bei schönstem Wetter und 20 Grad Wärme alleine auf den Weg. Die Strecke verläuft zuerst in einer Zusatzschlaufe durch Interlaken und führt nach etwa 2.5 km nochmals über die Startlinie Richtung Bahnhof Interlaken Ost. Auf der Höhe des Bahnhofs erblicke ich Evelyne unter den Zuschauern. Auf meine Frage nach Kaspars Position gibt sie mir mit Handzeichen zu verstehen, dass er sich bereits etwa eine halbe Minute vor mir befindet. Ich schaue auf die Uhr, um meine Geschwindigkeit zu kontrollieren. Meine Vorgabe, die ersten 10 Kilometer bis Wilderswil im Schnitt von 4 Min. 30 Sek. pro Kilometer zu laufen, habe ich fast auf die Sekunde genau im Griff. Regelmässig verpflege ich mich aus der Flasche im Hüftgurt und nehme auch jedesmal von den offiziellen Verpflegungsposten einen Becher Wasser. Die Luft ist warm und schweisstreibend, einige Sportler sehen schon aus als wären sie unter einer Dusche durchgelaufen. Ich fühle mich gut, auch das Tempo stimmt, als ich nach 10 Kilometern die ersten Häuser von Wilderswil erreiche. Vom Applaus der Zuschauer und dem lauten Gebimmel der Kuhglocken getragen, schwebe ich fast wie auf Wolken durch die Häusergasse. Endlich beginnt die Strecke anzusteigen. Auf einer langen Rampe ausserhalb des Dorfes erblicke ich weiter vorne Kaspar, ich erkenne ihn an seinem Laufstil. Ich gebe etwas mehr Gas, überhole etliche verdutzt dreinschauende Läufer und schliesse zu Kaspar auf. 11 Kilometer habe ich gebraucht, um 30 Sekunden Vorsprung aufzuholen. Fortan laufen wir gemeinsam weiter und erreichen auf kupierter Strecke über Gsteigwiler, Zweilütschinen und entlang der weissen Lütschine den Anstieg nach Lauterbrunnen. Plötzlich sehe ich einige Meter vor mir einen Läufer mit mir vertrauter Gangart, dazu einen blonden Haarschopf mit weissem Leibchen und dem Schriftzug Credit Suisse. Mein Kollege Richard Wälti ist also auch vor mir gestartet und versucht, eine Zeit knapp um die vier Stunden zu laufen. Ich presche zu ihm vor und wünsche ihm viel Glück für den weiteren Verlauf. Zu dritt durchlaufen wir die Hauptstrasse in Lauterbrunnen, umsäumt von vielen klatschenden Zuschauern und musizierenden Gruppen. Wie abgemacht, steht Evelyne, inzwischen mit Susanne als Verstärkung, am Ende des Dorfes bereit mit einem neu gefüllten Getränkebidon, den ich fliegend auswechsle. Guten Mutes und ohne Beschwerden mache ich mich auf die Zusatzrunde in Richtung Stechelberg. Bei der Halbmarathon-Marke notiere ich eine Zeit von 1‘41’08, etwas langsamer als gewollt, aber noch immer gut im Fahrplan, denn die entscheidenden Kilometer beginnen erst ab Lauterbrunnen bei Km 25. Bei der Talquerung muss ich kurz meine Blase entleeren, dabei überholen mich Kaspar und Richi wieder. Etwas „erleichtert“ beginne ich wieder mit der Aufholjagd und noch vor der Helikopterbasis schliesse ich zu ihnen auf. In zügigem Tempo, hinter Kaspar herhetzend, erreichen wir zum zweiten Mal Lauterbrunnen. Jetzt gilt es, Tempo wegnehmen und den Geländegang einschalten. Ab sofort sind nur noch Waden- und Oberschenkelmuskulatur sowie eine gute Lunge gefragt. In sehr steilen Serpentinen führt der Zick-Zack-Weg hinauf nach Wengen. Um meine Wadenmuskulatur vor Krämpfen zu verschonen, beginne ich bewusst schon früh mit zügigem Marschieren. Von nun an versucht jeder selber, sein Tempo einzuteilen. Ich komme gut voran und kann einige „Marschierer“ hinter mir lassen. Noch bevor ich auf einen flacheren und kurz abwärts führenden Streckenteil gelange, merke ich die ersten Verkrampfungen in der Wade. Mit möglichst wenig Muskeleinsatz, mehr ein Huschen mit vorwärts schieben, versuche ich die etwas weniger steilen Wegpassagen zu bewältigen. Dabei ist mein Tempo merklich zurückgegangen und ich werde von einigen Läufern überholt. Das aufkommende Hungergefühl stille ich mit etwas Bouillon und Bananenstücken. Auf der nun gleichmässig ansteigenden Strasse nach Wengen quäle ich mich mit vorsichtigen Schritten hinauf. An der laut anfeuernden Zuschauermenge schleiche ich mehr schlecht als recht vorbei, einige persönliche Zurufe lassen mich aber nochmals auf die Zähne beissen und tragen mich weiter den Weg hoch. Es fällt mir auf, dass mich keine Läufer mehr überholen, sondern das Tempo stabil bleibt. Es kommt die Hoffnung auf, dass ich mich eventuell doch noch über die Distanz retten kann. Die nun wellenartig ansteigende und immer wieder über Brücken führende Strasse wirkt eintönig und trägt nicht gerade zu einem Stimmungshoch bei. Andere Läufer bekunden auch immer mehr Mühe. Während ich in meinem Schneckentempo vorwärts krieche, wechseln andere mit Marschieren und Rennen ab, dabei überholen wir uns gegenseitig immer wieder. Ich nähere mich auf der Wengernalp der Abzweigung Wixi, wo es dann steil hinauf zur Gletschermoräne in Richtung Eigergletscher aufsteigt. Der Weg wird schmal und uneben, unregelmässige Stufen mit Wurzeln und Steinen bespickt machen meinen Muskeln keine Freude.

Fortsetzung