Kurz nach sechs traf ich etwas ausser Atem zu Hause ein. Ich hätte noch einiges zu erledigen gehabt, das musste jetzt alles warten, denn... Ich kramte die Einladung zum Schlusshock hervor und da stand es schwarz auf giftgrün: Eintreffen ab 19.00 Uhr. Das wird knapp. Ich wandte mich einer Frage zu, die ich schon längere Zeit mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hatte: Was ziehe ich an? Ich hatte dunkel in Erinnerung, etwas von einem bunten Abend gelesen zu haben. Und tatsächlich, da stand es, explizit und ausdrücklich: „Tenü bunt“. Ich öffnete meinen Kleiderschrank und fing an zu graben, grau, blau, schwarz, bordeau- und andere Rottöne waren die vorherrschenden Farben, aber galt das als bunt?! Als Nicht-Fastnächtlerin konnte ich nicht auf einen Fundus zurückgreifen, ich hatte kein Clown- oder Hexenkostüm, das zumindest in Teilen geeignet wäre. Ein Blick auf den Küchentisch liess mich aufatmen: meine Glasringe in allen Farben, damit konnte ich mich retten, wenn schon keine bunten Klamotten, dann wenigstens bunte Accessoires. Was noch? Sollte ich mir die Haare grün färben? Und die Augenbrauen rot – oder besser blau? Ich las die Einladung noch mal genau durch. Vielleicht gab’s es ein Schlupfloch, wie ich mich rausreden konnte. Das Motto: „Je bunter, desto fägt’s“ [sic]. Ich machte mir einen Moment lang ernsthaft Sorgen über die Deutschkenntnisse der Gruppe 3, hatte aber keine Zeit, mich an solchen Kleinigkeiten aufzuhalten. Die Zeit rannte, mittlerweile war’s halb sieben und ich hatte immer noch nichts gefunden. Die Lösung war vielleicht ganz einfach: Die farbigste Kleidung, die ich besass, waren meine Trainingskleider. Ich zog die Schubladen auf und siehe da: gelb, blau, rot funkelte es mir entgegen. Die Reflektorenbänder? Die Leuchtweste? Vielleicht etwas übertrieben, aber die LGN-Laufhose war genau das richtige: bunt und bequem. So, geschafft.
Punkt sieben stand ich vor dem Schützenhaus und stiess die Tür auf. Was sah ich da? Es blendete mich fast vor lauter Buntheit. Farbenfroh standen alle da: grelles Schwarz und leuchtendes Grau vermischte sich mit krass miteinander kontrastierenden Brauntönen. Eine bunt-fröhliche Gruppe stand da beim Apero zusammen und wetteiferte optisch um die farbig-leuchtendste Erscheinung. Raffinierte grau-schwarze Streifen standen mit knalligen Erdtönen im Wettstreit. Die gastgebende Gruppe 3 hatte sich offensichtlich auf die nicht zu toppende Farbkombination geeinigt: Abenteuerliches Schwarz kombiniert mit gewagtem dunkelschwarz, Wahnsinn! Selbst der Hund von Bettina war optisch perfekt an das Motto angepasst. Es war eine Farbenpracht, die einen van Gogh vor Neid hätte erblassen lassen. Allfällig anwesende Papageien wären in eine tiefe Depression gefallen und Goethe wäre verzweifelt nach Hause gefahren, um die Farbenlehre neu zu überdenken.
Eine Anfrage beim Institut für Biologie der Universität Basel hat keine eindeutige Antwort ergeben. Die Forschung ist sich bis dato nicht einig, ob die Gattung des gemeinen Niederamt-Läufers (cursor vulgaris niederamtensis) nur zum Schwarz-weiss-Sehen befähigt oder schlicht des Lesens nicht mächtig ist. Während die Lesefähigkeit auch von einem erwachsenem Exemplar innerhalb von wenigen Monaten erlernt werden kann, wäre das Manko, Farben nicht erkennen zu können, ein gravierenderes, müsste man dann der Evolution doch ein paar tausend Jahre Zeit lassen, um diesen Mangel zu beheben. Es ist zu hoffen, dass das Problem bei der Leseunfähigkeit liegt, denn sonst hätten die Armen die gelben und grünen Peperoni und die knallig-roten Peperoncini, die dezent-grünen Kapern, die rote Tomatensauce und die weissen Mozzarella-Stückchen sowie den frisch-gelben Mais nur in Grautönen bewundern können, und am Ende nicht nur (wie vorgewarnt) den Mozzarella mit dem Knoblauch verwechselt, sondern auch die Pilze mit den Artischocken oder die Peperoncini mit dem Schinken. Es klappte anscheinend ganz gut, waren doch alle zufrieden mit ihren selber belegten Pizzen, die wir à la discrétion kreieren und geniessen durften. Zusammen mit dem frisch-grünen Salat und dem feinen roten Wein ergab sich ein farbiges (!) Menu, das allen gut schmeckte und erst die ersten Gerüchte über das Dessert brachte manch einen dazu, die Pizza-Produktion einzustellen. Und es lohnte sich: Plötzlich wurde es dunkel und die Gruppe 3 marschierte mit einer Wunderkerzen-Torten-Parade auf, die selbst die verwegensten Dessert-Träume übertraf. Zusammen mit dem Kaffee mit oder ohne „avec“ mundeten die Torten köstlich und viel zu schnell neigte sich der Abend dem Ende zu, wobei wir alle froh waren, dass der angekündigte Meter Schnee noch nicht eingetroffen war.
Im Namen aller Gäste von diesem Schlusshock danke ich Heidi, Kathrin, Ruth, Silvia, Isa und Evelyne herzlich dafür, dass sie uns einen gemütlichen und unbeschwerten Abend beschert haben.
Karin Kissling