Unter den Läuferkreisen bekannt als „Nacht der Nächte“ zählt der 100 km-Lauf von Biel zu den anforderungsreichsten und bekanntesten Langstreckenläufen der Schweiz. Auch für Nicht-100 km-Läufer werden in dieser Nacht verschiedene Streckenlängen angeboten. So versuchten wir zum ersten Mal, das Stafettenerlebnis „by Night“ zu geniessen.
So fuhren wir mit zwei Fünfer-Teams, als «Speedy» und «Gonzales» gemeldet, in zwei «Grossraum-Limousinen» am Freitag um 19.30 Uhr in Olten ab. Pünktlich für die Startnummern-Abholung trafen wir im Eisstadion in Biel ein. Noch auf dem Parkplatz wurde die Laufbekleidung montiert, inkl. Startnummer vorne auf dem Leibchen und das Schild «Stafette» auf dem Rücken.
Bevor Veronika für das Team «Speedy» und Ursula für «Gonzales» um 23.00 Uhr starten konnten, blieb uns noch genügend Zeit, die Startenden der Haupt- und Marathonkategorien anzufeuern. Unter den Marathonläuferinnen befand sich auch unsere technische Leiterin Karin, die ihren ersten Marathonlauf in der Zeit von vier Stunden anstrebte.
Endlich ging es los! Bei optimalen Witterungsbedingungen machten sich unsere zwei Startläuferinnen auf die 17.5 km lange Strecke nach Aarberg auf den Weg. Nun lag es an den zwei Fahrerinnen Evelyne und Angelika, eine Spur durch die zum Teil gesperrten Strassen von Biel zu finden, um rechtzeitig am Wechselort zu sein. Nach einer Irrfahrt durch die Stadt und die nähere und weitere Umgebung fanden wir doch noch das Städtchen Aarberg.
Unweit der Holzbrücke machten sich Ruedi und Cédric für die Ablösung bereit. Derweil standen wir mit Fotoapparat bewaffnet auf der Holzbrücke und warteten auf unsere zwei Läuferinnen. Wir hatten genügend Zeit, die verschiedenen Lauftechniken und Bekleidungsarten der Teilnehmer zu studieren und zu bestaunen.
Etwas unverhofft tauchte zuerst unsere Marathonläuferin Karin auf. Sie lief locker und lächelnd an uns vorbei, so als ob sie erst gestartet wäre. Wir schrien ihr zu, wünschten alles Gute für den Rest des Weges und schon war sie im Dunkeln der Nacht verschwunden.
Lange mussten wir nicht mehr warten; etwas unter der erwarteten Laufzeit tauchten beide gemeinsam auf der Brücke auf. Der Wechsel klappte problemlos und es lag nun an Ruedi und Cédric, ihre Halbmarathondistanz von 21 km bis Oberramsern zu bewältigen.
Veronika und Ursula hatten sich unterwegs gegenseitig angetrieben und entsprechend schweissgebadet kehrten sie mit uns zu den Fahrzeugen zurück. Ohne grössere Umwege erreichten wir via Autobahn und das Limpachtal den Wechselort Oberramsern. Der zugewiesene Parkplatz an der leicht abfallenden Böschung eines Feldes mit überhohem Gras liess das Umkleiden etwas schwierig gestalten. Immer wieder verfingen sich einzelne lange Grashalme in den Kleidungsstücken.
Nach einem heissen Kaffee aus der Thermoskanne und einer kleinen Zwischenverpflegung begaben wir uns an die ca. 500 m entfernte Wechselzone. Evelyne und Urs meldeten sich bei der Postenkontrolle an und verschwanden anschliessend im nahegelegenen Restaurant auf ein stilles Örtchen. Mit Spannung warteten wir in der zwischenzeitlich kühler gewordenen Nacht auf unsere Ankömmlinge. Wer wird wohl als Erster kommen, wie gross der Abstand zwischen beiden sein? Ruedi kam als Erster, Urs konnte mit ca. 4 Minuten Vorsprung auf Evelyne den dritten, 17.6 km langen Streckenabschnitt nach Kirchberg in Angriff nehmen. Cédric musste 8 km vor dem Ziel Ruedi ziehen lassen, dieser klagte dafür über kommende Krampferscheinungen gegen Schluss des Rennens.
Plötzlich rief uns eine bekannte Stimme aus der Dunkelheit zu, Karin war kurz vor dem Ziel des Marathons. Wir feuerten sie nochmals zu einem Endspurt an und stellten mit Freude fest, dass sie ihr angestrebtes Ziel problemlos erreichen wird.
Wir kehrten wieder zum Auto zurück, sammelten alle unsere Utensilien ein und fuhren zum nächsten Etappenwechsel nach Kirchberg. Die schlechte Beschilderung führte dazu, dass wir drei mal durch das Dorf fuhren, bis wir endlich die richtige Abzweigung zur Wechselzone fanden. Aber auch dort standen Schlosser Christian und ich rechtzeitig für die Ablösung bereit. Etwas länger als eigentlich erwartet dauerte es, bis Urs mit der Wut im Bauch angebraust kam. Im guten Glauben, dass die vor ihm Laufenden die richtige Route einschlugen, lief er ihnen hinterher. Später, nach ca.1 km merkten sie, dass sie auf dem falschen Weg unterwegs waren und kehrten um. So kam Urs unfreiwillig zu zwei Zusatzkilometern.
Ich montierte mir seinen Zeitchip am Fussgelenk und lief los Richtung Emmendamm zum berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfad. Über Wurzeln, Steine und Löcher führte der schmale Pfad ca. 10 km weit der Emme entlang, bevor in Biberist auf die Asphaltstrasse gewechselt werden konnte. Langsam wurde es am Horizont hell und der Tag begann zu erwachen. Auf der zweiten Hälfte der 20.5 km langen Strecke durch das Biberntal begann ich die Kühle des Morgens zu spüren, meine Hände wurden kalt und kälter. Noch bevor mich die ersten wärmenden Sonnenstrahlen erreichten, konnte ich Laufkollegin Angelika auf den Schlussabschnitt nach Biel schicken. Kaum war sie weg, sprintete auch schon Schlosser Christian vom Partnerteam um die Hausecke und übergab an Gerold. Dieser beklagte sich noch vor dem Rennen über sonderbare Schmerzen, die sich vom Rückenansatz über das Gesäss und den Oberschenkel zogen. Trotzdem versuchte er seine Etappe von 23.4 km Länge bis ins Ziel zu laufen
Bei Kilometer 91 machten wir nochmals einen Zwischenstopp, um nach seinem Befinden zu fragen. Es schien ihm gut zu gehen, denn mit den Worten „de cheibe Engländer dört vorne holi no“ sauste er an uns vorbei. Beruhigt stiegen wir wieder ins Auto und fuhren zum Ausgangs- und Zielort Eisstadion Biel. Angelika tauchte auch hier als Erste auf und gemeinsam liefen wir als Team «Gonzales» die letzten Meter zusammen ins Ziel. Geri erschien rund sechs Minuten später mit seinem Team «Speedy» im Ziel. Nach den gegenseitigen Gratulationen, Karin hatte sich nach ihrem Marathondebut auch noch zu uns gesellt, holten wir gemeinsam unsere Finisher-Shirts und die Urkunden ab.
Nach etlichen Fotosequenzen, einem stärkenden Kaffee und einem Berliner als Belohnung machten wir uns gemeinsam auf die Heimfahrt. Eine spannende und erlebnisreiche „Nacht der Nächte“ hinter uns, freuten wir uns jetzt dennoch auf ein paar wenige Stunden Schlaf am Samstag Nachmittag.
Am Staffellauf nahmen teil:
Team «Speedy»: Totale Laufzeit 8‘27’59 Std.
Veronika Grimm, Cédric Hagmann, Evelyne Scheuss, Christian Schlosser, Gerold Weibel.
Team «Gonzales»: Totale Laufzeit 8‘21’48 Std.
Ursula Baer, Ruedi Künzli, Urs Meier, Christian Schacher, Angelika Küng.