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LGN Teilnahmebericht
BERLIN-Marathon vom 30.09.01
"Ein Marathonlauf ist erst nach 42,195 km zu Ende
oder
Hätte Miltiades Philippidies ein Pferd gegeben, hätte dieser überlebt und niemand
würde einen Marathon laufen"
Historisches und Allgemeines
Einige kennen die Geschichte. 490 v.Chr. besiegte Miltiades bei
Marathon die Perser. Der Sage nach sandte er anschliessend Philippidies aus, den Athenern
über diesen glorreichen Sieg zu berichten. Philippidies eilte nach Athen (über 40 km),
brach vor Erschöpfung zusammen und überbrachte die Mitteilung vom Sieg mit dem letzten
Atemzug.
Diese übermenschliche und selbstzerstörerische Anstrengung hätte
für die Menschheit und insbesondere für die Laufwelt eine Warnung sein können. Offenbar
war sie's nicht, denn am 30.9.2001 (Sonntag! - Ruhetag!) starteten annähernd 30'000
Läufer und Läuferinnen in Berlin zu einem Mararthonlauf. Das nicht nur freiwillig,
sondern trotz Regenwolken und einigen Tropfen während des Aufwärmens meist frohgelaunt,
zuversichtlich und aufgestellt, wenn auch manchmal Nervosität bei einigen wenigen Tausend
nicht zu übersehen war. Die meisten von ihnen werden wahrscheinlich das Schicksal ihres
Vorgängers Philippidies nicht gekannt haben. Ausserdem ist es natürlich auch so, dass
die meisten Läuferinnen und Läufer vor dem Lauf keine Schlacht geschlagen (ausser
vielleicht diejenige an den Ständen für die verkochten Pastas, für die verbilligten
Laufartikel, für die Startnummer und den Chip) und sich auf diesen Lauf hin mehr oder
weniger seriös vorbereitet haben. Kommt hinzu, dass die Laufausrüstung in den
vergangenen 2500 Jahren erheblich verbessert und auch die Wege in der Zwischenzeit besser
begehbar wurden.
In dieser laufwütigen Meute drin verloren sich auch drei Mitglieder
der LG Niederamt (Silvia Schlittler, Martin Hürzeler, Ruedi Künzli). Als einzige
Supporterin war Marie-Theres dabei. Sie war auch die einzige vernünftige Person unserer
Gruppe, denn sie beschränkte sich auf das Zuschauen und Anfeuern und Fotografieren von
verschiedenen Plätzen aus.
Der Marathon
Wir dürfen uns im zweiten Block (grün: Farbe der Hoffnung)
aufstellen. Martin und Silvia gehen weiter nach vorn, ich halte mich zurück.
Neben mir wartet Joey Kelly (Kelly Family) auf den Start. Ehrlich gesagt,
habe ich ihn gar nicht erkannt. Nadja hat ihn auf einer von Marie-Theres
geschossenen Fotos identifiziert.
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Kurz nach 9 Uhr werden wir in
die Strassen Berlins entlassen.
Vorbei an der Siegessäule (1,5 km) zum Nadelöhr der Route, dem Brandenburger Tor (3 km).
Unterwegs schon erste Bands und zahlreiche Zuschauer. Dann entlang der Prachtstrasse
"Unter den Linden" (4 km) mit seinen Sehenswürdigkeiten (in dieser Phase des
Laufs sieht man noch alle Sehenswürdigkeiten) weiter zum Berliner Dom (5 km) und
Fernsehturm (5,5 km). Am Berliner Rathaus (9,5 km) vorbei laufen wir (ich zuletzt)
Richtung Potsdamer Platz (12 km). Dort wartet nicht nur Marie-Theres, sondern ein
architektonisch phantastisches Viertel mit Bahnhof, Büro- und Verwaltungsgebäuden,
Musicaltheater und Imax-Kino, Restaurants und Geschäften. Kurz vor der Hälfte der
Strecke passiert man das Jahndenkmal (Turnvater Jahn!). Es steht gleichsam an der
Geburtsstätte des Turnens. Unter den Yorckbrücken (24 km) unterqueren wir 31
Eisenbahngeleise und laufen weiter zum Rathaus Schöneberg (26,5 km). Kennedy sprach hier
seine berühmten Worte: "Ich bin ein Berliner". Silvia hat hier bereits andere
Gedanken. Durch massive Wadenschmerzen beeinträchtigt, quält sie sich, immer wieder
durch Zuschauer und Läufer aufgemuntert, ins Ziel. Auch bei Martin beginnt der bisher
hohe Laufrhythmus Spuren zu hinterlassen. Er muss verlangsamen und geniesst dann die
letzten 10 km in gemütlichem Trott. In der Schlossstrasse passieren wir die 30-km-Linie. |
Ich fühle mich nach über zwei Drittel
der Distanz immer noch ausgezeichnet und überlege mir, ob ich ab 35 km noch ein wenig
zulegen kann und soll. Einen guten Kilometer später, "Unter den Eichen" (32
km), fühlt sich meine rechte Wade wie Eichenholz an. Nicht meine entzündete linke
Achillessehne hat reagiert, sondern die unwillkürlich stärker belastete rechte
Wadenmuskulatur. Obwohl ich immer mit Problemen gerechnet habe, war doch die Hoffnung auf
ein Durchkommen grösser. Ich bin enttäuscht und muss zum erstenmal hinkend marschieren.
Zuschauer ermuntern mich immer wieder, überholende fordern mich auf, anzuhängen. Am
Platz "Wilder Eber" (35,5 km) sorgt eine Samba-Band für Hochstimmung. Martin
kommt hier zuerst vorbei. Hat er den Samba genossen?
(Foto rechts: Martin Hürzeler "on the run") |
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Silvia und einige Minuten später auch ich quälen uns vorbei,
aber nicht im Samba-Schritt. Längst bin ich so mit mir selbst und meinen
stetig härter werdenden Muskeln beschäftigt, dass ich kein Auge mehr für
Umgebung und Sehenswürdigkeiten habe. Vor einigen Kilometern habe ich
noch auf eine Massagestelle gehofft. Vergeblich! Eigentlich sollte ich
aufgeben, da ich Wadenkrämpfe oder sogar eine Zerrung befürchte. Das will
ich aber nicht. Ich entscheide mich für's Durchkämpfen und versuche wenigstens
in Rücken, Schultern und Armen locker zu bleiben. Das gelingt halbwegs.
Ich schleiche wenig begeistert an einem dichten Kordon begeisterter Zuschauer
weiter. Viele Leute wedeln auch jetzt noch mit japanischen Fähnchen. Sie
haben mitgeholfen, Naoko Takahashi zu ihrem Weltrekordlauf anzutreiben.
Hunderte von Läuferinnen und Läufer überholen mich. Das nehme ich in Kauf.
Schneller laufen respektive hinken liegt nicht mehr drin. Vor allem mein
rechtes Bein würde den Dienst versagen. Am Ku'damm (41 km) stehen die
Zuschauer und Bands noch dichter. Frenetischer Beifall und Sound treiben
Läufer und Läuferinnen ins Ziel. Bei mir nützt das nichts. Die Anfeuerungen
und Musik empfinde eher als stärenden Lärm. Vor mir tanzt ein Läufer mit
seiner Freundin, die unter den Zuschauern gewartet hat, einige Sekunden.
Hoffentlich kommt Marie-Theres, die weiter vorne wartet, nicht auf solche
Ideen. Den Ku'damm kenne ich. Ich habe ihn mit Marie-Theres am Vortag
abspaziert. Heute kommt er mir länger vor. Jemand muss ihn gestreckt haben.
Hinter mir ertönt das Horn eines Spitalautos. "Die muss jemand auf
mich aufmerksam gemacht haben", überlege ich. Falsch, erfahre ich
im Ziel. Da kam ein Läufer einen Kilometer vor dem Ziel nach einem Sturz
nicht mehr hoch. Hoffentlich taucht der "Hohle Zahn" (42 km;
Bezeichnung der Berliner für den im 2. Weltkrieg ausgebombten Turm der
Gedächtniskirche) bald auf. Von hier sind es noch gut 200 m bis ins Ziel.
Es ist unglaublich, wie weit 200 m sein können. Vor mir werfen jubelnde
Finisher die Arme bei der Zielüberquerung in die Höhe. Ich krieche ins
Ziel. Geschafft!
(Fotos unten: Ruedi am Ziel, Martin
und Ruedi können bereits wieder lachen - oder vielleicht nur für's Foto?)
Ziel erreicht
Nach der Ziellinie Rettungssanitäter und
junge Ärzte, die sich konzentriert nach Kollabierenden umschauen. Mich
übersehen sie, oder sie finden dringendere Fälle. Marie-Theres entdeckt
mich nach wenigen Minuten und fotografiert. Super - so erholt wie ich
aussehe! Rund um mich mehrheitlich zufriedene Menschen. Und das Verrückte?
Auch ich bin zufrieden, nicht mit meiner Laufzeit. Zufrieden und froh,
dass ich unvernünftig war und nicht aufgegeben habe und dass ich mich
durchgebissen habe. Weiter geht's zur wärmenden Plastikhülle und zum Tee.
Dieser wird stehen gelassen, als die erste Bierbude auftaucht. Essen kann
ich aber immer noch nicht. Bananen und Äpfel werden abgelehnt. Dafür der
Körper wieder schluckweise an Pils gewöhnt. An den Massagebetten stehen
Schlangen in weissen Plastik eingewickelter Überlebender. Ich tappe
weiter. Chipabgabe! Ich muss mich zu Boden setzen, um den Chip aus dem
Schuhbändel zu lösen. Zum Aufstehen hätte ich mir fast helfen lassen müssen.
Weiter zum "Familientreff". Den Buchstaben "Y" (Kommt
als Familienname nicht so oft vor!) hatten wir als Treffpunkt bestimmt.
Marie-Theres und Martin warten schon, Silvia ist in der Massage. Und das
noch lange. Dafür hat's auch nichts genutzt. Gratulationen zum Überleben.
Erster Erfahrungsaustausch und erste Analysen. Letzte Fotos.
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(Bild links: Silvia
Schlittler)
Fazit
Martin möchte noch dieses Jahr einen
weiteren Marathon (Tenero) laufen. Ich werde sicher auch wieder
zu einem Marathon starten, sehe aber ein, dass der Bewegungsapparat
hundertprozentig intakt sein muss. Silvia will nie wieder einen
Marathon laufen. Aber auch das ist nicht sicher. |
Glücklicherweise war am Berliner-Marathon
kein Todesopfer zu beklagen. Was soll man daraus schliessen? Miltiades
hätte einen trainierteren und durch den Hauptsponsor ausgerüsteten Mann
aussenden müssen. Oder verlieren.
Bericht von Ruedi Künzli
Folgende LGN-Mitglieder haben den anspruchsvollen Marathon dieses Jahr
bewältigt und können sich als Sieger fühlen. Wir gratulieren den LäuferInnen zum
tollen Erfolg! (Zum Vergleich die Zeit von Franziska Rochat-Moser 03:15.30)
- Silvia Schlittler, 03:17:42, Kat.Rang 7
- Martin Hürzeler, 03:06:10, Kat.Rang 327
- Ruedi Künzli, 03:20:13, Kat.Rang 206
Details über den Lauf können sie dem folgenden Link
entnehmen: www.berlin-marathon.com
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