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Ein Lauf ins Blaue ... (Course populaire Villeret – Chasseral – Villeret)

… war für mich diese spätsommerliche Samstagmorgenaktivität inmitten des Berner Jura.

Villeret liegt im Tal von St. Imier, etwa 5 km von St. Imier entfernt und ist als typisches jurassisches Dörfchen, (exaktere Bezeichnung: Kaff) genau so schlicht wie die Informationen, die ich über diesen Lauf übers Internet erhalten habe. Da entnahm ich neben Gesamtdistanz (25 km) und Höhenunterschied (+/-1000 Hm) noch, dass Start und Ziel am gleichen Ort und dazwischen eine nicht zu unterschätzende Aufschüttung namens Chasseral (1609 m.ü.M) liegt. Abgesehen von diesem signifikanten Informationsdefizit begann der Tag aber sehr erfolgsversprechend. Eine familiäre Atmosphäre zeichnete diesen Lauf aus, waren es doch nur etwa 300 teilnehmende Läufer, vorwiegend aus der Westschweiz, die sich meist zum wiederholten Male dieser Herausforderung stellten. Dank einer einfachen, aber effektiven Organisation fand ein Neuling wie ich mich trotzdem gut zurecht.

   
   

Punkt 9.30 Uhr fiel dann der Startschuss zur 5. Etappe. Davor aber gab es noch eine herzliche separate Begrüssung auf Deutsch für die steigende Anzahl „Ossis“. Toll!!! Anfänglich führte der Kurs auf einem lädierten Teerweg leicht ansteigend richtig Chasseral. Dies war übrigens eine Autobahn verglichen mit den noch folgenden Wegen. Nach etwa 500 Metern führte der Weg durch eine Schlucht, wo auch gleich das Naturschutzgebiet der Combe Crète begann. Entlang eines ausgetrockneten Flussbettes in einer imposanten Schlucht galt es, mässig ansteigend über Steinstufen und grössere Steinblöcken seinen Rhythmus zu finden. Ich lief mit den führenden beiden Frauen mit, konnte also live dabei sein bei der Entscheidung um den Frauensieg, dies war zumindest mein Tagesziel. Nach etwa 2 Kilometer verliessen wir die Schlucht und der Weg führte abwechslungsreich aber teilweise rutschig und matschig über tiefgrüne Juraweiden, Rythmusbrecher zuhauf machten es mir nicht gerade leicht, meinen beiden Pacemakerinnen an den Fersen zu kleben. Charakteristika der Strecke von Kilometer 3 bis Kilometer 5 war: 50 Höhenmeter hinauf, 20 Höhenmeter hinunter, immer und immer wieder. So komme ich nie oben am Chasseral an, dachte ich mir. Jetzt begann der Weg der „Tausend Kuhhindernisse“. Man kann sich kaum vorstellen, was sich „Mensch“ alles einfallen lässt, um selektiv den Aktionsradius von Rindviechern einzuschrenken ohne gleichzeitig den der Wanderer zu tangieren. Hier konnte ich diese Varietäten läuferisch erleben. Doch nicht nur diese künstlichen Hindernisse lassen diesen Lauf zum Challenge werden. Auch glitschige Steine, sumpfiges Terrain und feucht-matschige Wege, die das Laufen stellenweise mehr zu einem kontrollierten Rutschen ummodellierten, stellten hohe Anforderungen an meine Konzentrationsfähigkeit. Zeitweise musste jedes Absetzen des Fusses vorausgeplant werden, aber das ist ja das gewisse Etwas an einem Berglauf, oder? Die Strecke war wahrlich nie monoton und nicht selten wünschte ich mir wieder einmal einen stumpfsinnig öd und regelmässig verlaufenden, geteerten Weg. Mein rudimentäres GPS (Orientierungssinn) spielte mir keinen Streich, als es mir mehrmals meldete, dass wir uns wieder vom Chasseral entfernten und dass ich die mühsam erkämpften Höhenmeter durch ein kurzes, aber ruppiges Gefälle wieder verlor. Hier verlor ich übrigens auch den Anschluss zu einer der führenden Frauen, mehr noch, mein stolzes Läuferherz musste sogar ertragen, dass mich zwei weitere Frauen überholten. Doch siehe da, ein Lichtblick, ein rotweiss gestreifter Masten erhob sich vor mir, zwar noch weit weg, aber doch klar als Nahziel auszumachen. Auf der Krete führte mich der Weg in einem ständigen Auf und Ab nahe an diesen Sender. Einzelne Wolkenfetzen klebten an den Hängen und machten das Schätzen der Distanz zu einem schwierigen Unterfangen. Ich war ziemlich müde und selbst in flacheren Passagen war Gehen die bevorzugte Gangart. Dann endlich war der Chasseral erreicht. Eine Teerstrasse (Ich traute meinen Augen kaum), welch beeindruckendes Sinneserlebnis nach einer Stunde „Zick-Zack-Rauf-Runter-Rutsch-Stolper“, liess mich wieder ans Laufen denken. Nur kurz war der Luxus, denn schon 500 Meter später ging es schroff über eine Kante einen steinigen Weg hinunter. Hier überholte mich auch der eine oder andere leichtere Läufer, was ich aber gelassen nahm, denn mein Ziel war ja lediglich, den Parcour in zwei Stunden zu absolvieren und ich lag gut im Zeitplan. Zwei Gegensteigungen liessen mich in den Genuss kommen, Läufer zu überholen, ansonsten schienen aber die Romands ausgesprochene Downhill-Cracks zu sein. So waren vor allem die letzten vier Kilometer ausgesprochen steile, aber zum Glück trockene Passagen mit gutem Untergrund. Schon bald hatte ich aber genug von diesem steilen Abwärtsrennen und ich wünschte mir wieder mal ein flacheres Stück. Mein Flehen wurde erhöht, die letzten 500 Streckenmeter, nur leicht abfallend, wären für einen Endspurt prädestiniert gewesen, wären da nicht leichte Krampfanzeichen gewesen, die mich zu einem dosierten Tempo zwangen. Ziel – Aus – Ende!!! Eine spezielle Mischung aus Glück, Stolz, Erlösung und Erschöpfung machte sich breit und liessen die vergangenen 25 km in einer Manier abschliessen, die wohl nur ein Läufer nachvollziehen kann. Zufriedenheit über die Zielankunft (sogar in der angestrebten Zeit) dominierten aber später in der Turnhalle beim gemeinsamen Pastaessen.

Mein Fazit dieses Laufes: Wer Grossanlässe mit Massenansammlungen nicht ausstehen kann und eher den familiären, überschaubaren Lauf liebt, ist hier gut bedient. Die Erlebnis in der Natur steht hier im Vordergrund, und diese verlangt auch einiges vom Läufer ab. Dafür wird man durch den Blick in alle drei Grossregionen der Schweiz belohnt (Jura, Mittelland, Alpen) Kräfte einteilen und Risiko dosieren ist ratsam, die Zeit eher nebensächlich!!! Auch mit der Tatsache, dass nur jeder 5. Kilometer angeschrieben war (die letzten 5 Kilometer waren aber einzeln angeschrieben), kann man hier gut leben.

Im Startgeld von 35.- war, nebst der Verpflegung unterwegs, eine Käseplatte zum Naschen im Zielgelände, einen kleinen Laib „Tète de moine“ (einziger jurassischer Käse) das obligate Finisher-Shirt und einen Teller Spaghetti mit Salat inbegriffen (charmant serviert durch den Damenturnverein). Einziger Schwachpunkt: Bei Regen, so stelle ich es mir zumindest vor, wäre es mir wahrscheinlich eine Spur „Experience“ zuviel. Darum meine Empfehlung: Bei Schönwetter top! - bei Schlechtwetter ...?!?

Weitere Informationen zum Lauf und Bilder zur Strecke findet Ihr unter www.coursevcv.ch, der Homepage des Veranstalters.

 

Läufergrüsse von Chregu Schlosser

 


 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
© Laufgruppe Niederamt – Release: 26.11.2005
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