Wenn
der Begriff nicht dermassen unpopulär besetzt wäre,
ich hätte den diesjährigen Bericht über
den Hallwilerseelauf mit „Mein Kampf“ betitelt.
Ich hatte keine Beine, nicht den passenden Kopf dazu,
der Magen stellte sich quer, ich hatte dauernd das Gefühl,
ich hätte Falten in der Socke und das Laufen komplett
verlernt, zuwenig getrunken und zuviel gegessen oder
umgekehrt, kurz: es war gar nicht mein Tag, oder ein
„jour sans“, wie die Franzosen zu sagen
pflegen, obwohl ich mich immer frage, ohne was denn
eigentlich genau. Ich schleppte mich über die Strecke
und versuchte dauernd, mein Gehirn irgendwie zu beschäftigen
und abzulenken, was aber etwa der Aufgabe entsprach,
ein verzogenes Kind irgendwie von seinem ursprünglichen
Wunsch abzulenken und Alternativen anzubieten. So hatte
ich zwischen km 18 und 19 eine Trotzphase durchzustehen,
die mir von einer Kinderkrippe voller 3-jähriger
tiefen Respekt eingebracht hätte. Ich wollte nicht
mehr laufen, ich wollte endlich im Ziel sein. Es nutzte
nichts, ich musste da durch. Ich hakte den Lauf als
ein weiteres Steinchen im Mosaik der Lebensschulung
ab und werde mich nur noch an das Positive erinnern.
Denn eigentlich war alles optimal: Das Wetter entsprach
bestem Läuferwetter, nicht zu warm, nicht zu kalt,
trocken. Das OK des Hallwilerseelaufs hatte seine Hausaufgaben
gemacht: Es gab einen Chip an den Schuh, eine Matte
am Start, eine in der Hälfte der Strecke und eine
im Ziel, die „Finisher“-Weste bereits am
Start, einen neuen Teilnehmerrekord (über 5400
TeilnehmerInnen), begeisterte Zuschauermassen beim Schloss
und eine Startnummer mit dem Namen drauf, und... dafür
war ich echt dankbar, einen Zieleinlauf auf Asphalt.
Das Startprozedere erinnert stark an das Tropfenzählersystem
beim Gotthardtunnel und hat die Kolonnen nicht aufgelöst,
aber erträglicher gemacht.
Dazu gab es echte Highlights: 1. Die Mitglieder der
Laufgruppe, die einen ermutigend und herzlich anfeuerten.
Vielen Dank, das hat wirklich gutgetan. 2. Eine Episode:
„... plötzlich ruft jemand hinter mir: Ist
das Niederamt in der Schweiz? Es dauert einige Sekunden,
bis ich merke, dass sich diese Frage auf mein Shirt
bezieht, erkläre dem Laufkollegen, wo das Niederamt
liegt und meine, dass er diese Frage streng genommen
nicht auf schweizerdeutsch hätte stellen dürfen,
wenn er davon ausgeht, dass sich das Niederamt im benachbarten
deutschsprachigen Ausland befinde. Er sei aus dem Tösstal,
erklärt er sich und erzählt, dass er jetzt
zum 17. Mal hier sei und schon zum 22. Mal am Greifenseelauf,
der eine aber nicht so schön wie der andere sei,
und er eigentlich seine Teilnahmen an Läufen nicht
zählen würde. Dann fragt er übergangslos
und ohne Vorwarnung, ob ich einen Mixer dabeihabe. Ich
gehe davon aus, dass ich die Frage nicht richtig verstanden
habe und spare mir eine Antwort (wir laufen immer noch
im Renntempo und mein Atem ist entsprechend kostbar).
Er habe eine halbe Banane bei sich (er öffnet seine
Hand und zeigt mir ein schwarzes, verknautschte Ding)
und er möchte diese gerne mixen, sie rutsche dann
einfach besser, womit er unzweifelhaft recht hat und
beginnt, die Leute am Strassenrand anzuquatschen, ob
sie denn nicht zufälligerweise einen Mixer bei
sich hätten. Ich wünsche dem Laufkollegen,
dass er Erfolg gehabt mit seiner Suche, ansonsten ich
etwas besorgt davon ausgehen muss, dass der arme Kerl
noch heute an den Gestaden des Hallwilersees herumirrt
und in nicht allzu ferner Zeit wird das hartnäckige
Gerücht umgehen, dass hie und da ein Gespenst mit
Ostschweizer Dialekt aus den Nebeln des Hallwilersees
auftaucht, zutiefst erschrockene Jogger und Hundehalter
verzweifelt nach makabren Haushaltgeräten fragt
und dabei traurig mit seiner Startnummer flattert.
Die Laufgruppe Niederamt lief (alle ohne Mixer):
Werner Brunner 2:01.18,2 als Guide
Rolf Humbel 1:49.45,9 in der Staffel
Sabina Kasper 2:02.34,2
Karin Kissling 1:53.49,5
Nadja Künzli, 1:49.22,6
Ruth Püntener 1:59.55,5
Fritz Ramseier 1:44.20,3
Beat Stauber 1:36.03,6
Bettina Siegrist 1:00.40,5 Walking
Schlittler Silvia 1:29.59,3
26.Oktober
2006 Karin Kissling
|
|